Staffan Bruun

Schlaglichter

 

ISBN 978-3-9524559-5-1

BaltArt_Covers_Schlaglichter.jpg

Staffan Bruun

Schlaglichter

50 Phänomene, die Finnland formten

Ein Lesebuch
Übersetzt aus dem Schwedischen von Daniel Sägesser, Bern/Tallinn
Baltische Bibliothek im BaltArt-Verlag – Band XII
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2020

ISBN 978-3-9524559-5-1

Preise: 25 € / 30 CHF (plus allfällige Versandkosten) 

Titel der schwedischen Originalausgabe: «Så formades Finland. 50 avsnitt om Finlands ödesstunder»

© KSF Media, Helsinki/Helsingfors, 2018

Vorwort: Daniel Sägesser, Bern/Tallinn
Korrektorat und Lektorat: Daniel Haller, Basel, und Arnd M. Schuppius, Burg/Dithmarschen
Umschlagillustration: Martynas Vilimavičius, Vilnius
Buchgestaltung: Jūratė Bačanskaitė, Vilnius
Druck: BALTO print UAB, Vilnius

Die Übersetzung und Publikation dieses Buchs wurde durch FILI Finnish Literature Exchangegefördert.

FILI

Finnland im Fokus

Wann und wie kam Coca-Cola nach Finnland? Weshalb hat der Tango eine besondere Bedeutung für das Land? Wie hat die schon Jahrhunderte währende und bis heute andauernde existenzielle Bedrohung und Aggression durch den grossen Nachbarn Russland diese nordische Nation beeinflusst und geprägt? Welche Rolle spielte und spielt ein anderes wichtiges Nachbarland, das christlich-abendländisch geprägte Königreich Schweden, dessen östliche Reichshälfte Finnland während 600 Jahren war? Was bedeutete es für Finnland, als es 1809 im Zuge der napoleonischen Kriege die Seite wechseln musste, aus dem schwedischen Reich gerissen und zu einem vom russischen Zaren regierten Grossfürstentumwurde?
Mit anderen Worten, was hat es damit auf sich, dass schwedische Geschichte während langer Zeit auch finnische Geschichte war und dann mehr als 100 Jahre Russland ganz unmittelbar die Geschicke Finnlands lenkte?
Das vorliegende Werk – es ist das erste Sach- und das dritte BaltArt-Buch mit Finnland-Bezug – gibt darauf und auf zahlreiche weitere Finnland betreffende Fragen vielschichtig Auskunft.

Das Buch

  

Ein Kaleidoskop von Finnlands Werden und Sein

In «Schlaglichter» beleuchtet der preisgekrönte finnlandschwedische Investigativjournalist, Publizist und Schriftsteller Staffan Bruun verschiedneste Aspekte, die für Finnlands Geschichte und Gegenwart von grosser Bedeutung waren respektive sind.
Er tut dies hier nicht in einer chronologisch oder wissenschaftlich-thematisch gegliederten Abhandlung, sondern auf eine ganz eigenwillige Art und Weise.

Am Anfang stand eine Idee des «Hufvudstadsbladet» («Das Hauptstadtblatt»), der grössten schwedischsprachigen Zeitung Finnlands in Helsinki: 2017 galt es, einen herausragenden, runden Geburtstag zu feiern und zu würdigen. In jenem Jahr konnte das Land nämlich auf 100 Jahre staatliche Unabhängigkeit zurückblicken.
Dies tat die Zeitung mit einer Serie von Artikeln, von denen in jeder Sonntagsausgabe des Jahres einer publiziert wurde, der letzte und 50. vor dem 6. Dezember 2017, jenem Tag also, an welchem Finnland vor 100 Jahren die russische Herrschaft endlich abschütteln und sich zum selbstständigen Staatswesen erklären konnte.

Jeder Artikel ist eine in sich abgeschlossene, für sich stehende Geschichte, die ein für Finnlands Geschicke wichtiges Phänomen reflektiert, beschreibt, porträtiert.
Und dies in absteigender Reihenfolge: Je wichtiger das Phänomen den Zeitungsmachern und dem Autor Staffan Bruun erschien, desto später im Jahr fand das Thema Eingang in die sonntägliche Ausgabe.
Am Schluss resultierte aus der fünfzigteiligen Artikelreihe ein eigenes Buch, das hier nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

Nicht zu übersehen ist dabei, dass in den Beiträgen eine teilweise finnlandschwedische Sichtweise vorherrscht. Für eine Publikation in einem finnlandschwedischen Medium mit schwedischsprachiger Leserschaft, wie es «Hufvustadsbladet» ist, ist dies natürlich naheliegend und legitim. (Zu den Folgen der 600 Jahre währenden gemeinsamen Geschichte Finnlands und Schwedens gehört, dass noch heute fast 6 Prozent der finnischen Bevölkerung – die sogenannten Finnlandschweden – schwedischals Muttersprache sprechen und es ganze Landstriche gibt, wo vornehmlich schwedisch gesprochen wird.)

Begonnen wurde die Artikelserie Anfang Januar 2017 mit dem Tango, der eigentlichen Volksmusik Finnlands, den Schluss machte Anfang Dezember 2017 der Beitrag Nummer 50 über das Phänomen, das das Land wohl am meisten prägt, den Wald.

Staffan Bruun handelt die unterschiedlichen Facetten zu Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur nicht trocken und distanziert ab, sondern erlaubt sich eine leichtfüssige, mit Anekdoten und Beispielen gespickte lebendige Erzählweise, die man ohne negatives Vorzeichen als populärwissenschaftlich bezeichnen darf.

Jeder Artikel ist so verfasst, dass er möglichst selbsterklärend für sich alleine stehen und unabhängig von den anderen gelesen und verstanden werden kann. Der Leser oder die Leserin kann sich also auch getrost einzelne Beiträge im Buch – je nach Interesse – herauspicken, ohne dabei den Faden zu verlieren.

Ein besonderes Augenmerk legt der Autor auf die grundlegende Bedeutung von Kultur, hier wiederum vor allem von Musik und Literatur. Nicht von ungefähr kann, wie sich nach und nach im Buch zeigt, deren Bedeutung für das «Nationbuilding» der Kulturnation Finnland und ihres Selbstverständnisses nicht überschätzt werden. Einen anderen Schwerpunkt legt Bruun auf die Auswirkungen des globalen Geschehens im Lauf der Jahrhunderte auf das kleine Finnland.

Bereits mit der Reihenfolge, mit einer eigentlichen Rangordnung der beschriebenen Phänomene, wird eine subjektive Wertung der Bedeutung des behandelten Themas vorgenommen. Über diese darf man getrost diskutieren; sie stellt keine allgemeingültige, einem allgemeinen Konsens verpflichtete Einschätzung dar. Aber auch in den Texten selber scheut sich der Autor nicht vor Wertungen, was wiederum dem teilweise essayistischen Charakter der Beiträge geschuldet ist.

Man kann die einzelnen Artikel als Puzzleteile oder Mosaiksteine betrachten – bei fortlaufender Lektüre, aber auch kreuz und quer, erschliesst sich dem Leser oder der Leserin nach und nach eine Gesamtschau auf Finnland.

Und oftmals weist die Geschichte, weist das Schicksal Finnlands über sich hinaus, verweist auf Allgemeingültiges, woraus die geneigte Leserschaft ihre Schlüsse und Lehren auch für die Gegenwart ziehen kann.

Etwa, wenn mit Nachdruck immer wieder in verschiedensten Zusammenhängen aufscheint, dass es nie ein friedliches, auf Ausgleich bedachtes Russland gab, sondern dieses vielmehr stets und bis heute aggressiv auftritt und nach brutaler, imperialer Hegemonie trachtet.

So wie sich der Leserschaft bei der Lektüre nach und nach ein recht umfassendes Bild Finnlands erschliesst, so kann man dabei auch einen eigentlichen roten Faden im Buch – und also in Finnlands Geschichte – erkennen: Das existenziellste Merkmal für Finnlands Wesen als Nation ist das dort vorherrschende Bewusstsein der immerwährenden Bedrohung im Osten durch Russland – und deren Abwehr.

Der Autor

  • Geboren 1955 in Helsinki (Finnland)

  • Arbeitete von 1980 bis 2016 bei «Hufvudstadsbladet» («Das Hauptstadtblatt»), der grössten schwedischsprachigen Tageszeitung Finnlands in Helsinki

  • Erhielt 2009 den finnlandschwedischen Journalistenpreis und 1997 die «Schneeschaufel» («snöspade») der Vereinigung investigativer Journalisten Finnlands

  • Veröffentlichungen: Kriminalromane, Romane, Sach- und Satirebücher

  • Seit über 30 Jahren die eine Hälfte des Duos Stafan & Staffan

  • im Satireprogamm »Fritt Fram« (»Frisch voran«) von Radio Vega

Foto: Niklas Sandström, Helsinki

Staffan Bruun – Wikipedia Schwedisch

Textauszug

Als der Tango nach Finnland kam

An diesem Herbsttag im Jahr 1913 waren die Erwartungen extrem hoch und die Vorstellungen ausverkauft: Denjenigen, die ins Apollotheater strömten, war kaum bewusst, dass sie Zeugen eines historischen Ereignisses werden würden. Am 2. November tanzte man in Finnland zum ersten Mal den neuen, sündigen Tanz – den Tango.

Man weiss also genau, wann der Tango in Finnland an Land stieg. Es geschah am 2. November 1913, um 14 Uhr, im Apollotheater zu Helsinki, ein bekanntes Kino und Restaurant an der Südlichen Esplanade. Der ehemalige Balletttänzer Toivo Niskanen sollte zusammen mit Elsa Nyström einen neuen Tanz vorführen, von dem man wusste, dass er aus Argentinien stammt.

Gerüchten aus Paris zufolge war der Tango ein feuriger und sündiger Tanz – darum das grosse Interesse des Publikums. Die Präsentation im Apollotheater bot nun den Helsinkiern einen Hauch der grossen, weiten Welt.

Was man nicht weiss, ist, welche und wie viele Tangostücke an jenem Nachmittag gespielt wurden, auch weiss man nicht, wie das Tanzpaar gekleidet war. Aber man weiss, dass das Paar Nyström-Niskanen die Rhythmen aus Paris und Buenos Aires der finnischen Heimat gezielt anpassten.

Einem damaligen Zeitungsbericht zufolge machten sie den Tanz salonfähig, indem sie Elemente ausliessen, die an die »niedersten menschlichen Instinkte appellierten«. Sie tanzten langsamer und verzichteten bewusst auf »lusterfüllten Körperkontakt und auf frivole Körperbewegungen«.

Alle 600 Billette waren schon lange im Voraus ausverkauft, worauf man drei zusätzliche Vorstellungen ansetzte. Auch diese wurden restlos an den Mann und die Frau gebracht. Insgesamt sahen 3000 Menschen die Tango-Premiere in Helsinki. Die Nachricht machte schnell im ganzen Land die Runde. Überall begannen Tanzschulen, den Tango zu lehren, der sich in allen grossen Städten etablierte.

Wie ein Marsch

Auf dem Lande war man gegenüber dem heiss diskutierten, fri- volen Tanz misstrauischer. Es sollte bis nach dem Krieg dauern, bis der Tango auch in den Dörfern und Weilern ankam, aber dann in grossem Stil.

Von Anfang an war der Tango der Tanz des Volkes. Dies erklärt, dass der Tanz aus Argentinien in Finnland, und eigentlich fast nur in Finnland, zu einem solchen Erfolg wurde. Die Schrit- te wurden den sich unsicher, ängstlich und ungelenk Fühlenden angepasst. Im Gegensatz zum argentinischen Tango ist die finni- sche Variante langsam und hat weniger Schrittvariationen – sie mutet beinahe wie ein Marsch an.

In den 1930ern lehrte die Tanzlehrerin Inkeri Kare, dass der Tango auch mit Foxtrottschritten getanzt werden kann, was sich rasch einbürgerte. Deshalb ist Finnland das einzige Land, in welchem er nicht getanzt wird wie in der Pampa, wo der Tanz ent- stand, sondern als Form des Foxtrotts.

Auch die finnische Tangomusik unterscheidet sich von derjeni- gen in Argentinien und Paris.

In Finnland spielt man den Tango in Moll und gemäss dem le- gendären Komponisten und Produzenten Toivo Kärki als eine Mischung aus argentinischem Tango, slawischer Melancholie und deutschen Märschen. »Finnischen Tango zu tanzen ist wie marschieren«, sagte Kärki, welcher selber unzählige unsterbliche Tangos vertonte.

Tanzverbot

Trotz des enormen Interesses in jenen Novembertagen 1913 nahmen sich die Finnen nicht sofort vorbehaltlos des Tangos an. Mo- derne Tänze wie der Charleston konkurrierten mit ihm. Erst in den 1930ern wurden die ersten einheimischen Tangomelodienkomponiert.

Während des Zweiten Weltkriegs sollte sich die Bevölkerung an der Heimatfront nicht vergnügen, während die Armee einen Kampf um Leben und Tod ausfocht. Vergnügungssteuern und Tanzverbote sollten für einen grauen Alltag im ganzen Land sor- gen. Auf Hochzeiten zum Beispiel war dem glücklichen Paar nur gerade ein Tanz erlaubt, keiner mehr. Die Gäste durften gar nicht tanzen.

Soweit man weiss, war das Tanzverbot eine ganz und gar finnische Erfindung, welche sonst in keinem anderen kriegführenden Land Anwendung fand. Schwierig für die Behörden war nur, dass dem Verbot nicht Folge geleistet wurde.

Auf vielen Tanzböden kam es deshalb an Samstagen zu regelrechten Katz-und-Maus-Spielen. War Polizei im Anzug, schlug ein Schmiere stehender Posten Alarm, die sich umschlingenden Paare lösten sich voneinander und taten so, als würden sie einem Referenten lauschen, der sich rasch auf der Bühne präsentierte. Kam die Nachricht, dass die Polizei wieder abgezogen war, ging es mit der Tanzerei munter weiter.

Doch absolut düster waren selbst die Kriegsjahre nicht, denn auch die Frontsoldaten brauchten ab und zu aufmunternde Zerstreuung. Musiker und Künstler absolvierten ihren Kriegsdienst denn auch in Unterhaltungseinheiten. Einige auch heute noch populäre Tangostücke wurden während des Krieges komponiert, zum Beispiel »Lilja kukka«.

...

Jetzt bestellen

 

BaltArt-Verlag

BaltArt GmbH Switzerland

Daniel Sägesser

Hopfenweg 14

CH-3007 Bern

Tel. +41 79 221 42 38 (Schweiz)
oder +372 5 382 75 00 (Estland / EU)

daniel.saegesser@sunrise.ch oder 
info@baltart.ch

Preise: 30 CHF / 25 €

(plus allfällige Versandkosten)

 

Buchhandelsrabatt

Buchhandlungen können hier ihre Bestellungen vornehmen. BaltArt gewährt einen Buchhandelsrabatt von 1/3 des Endverkaufspreises in € oder CHF, zuzüglich Versandkosten. 

 

Die Bücher werden zusammen mit einer Rechnung zugestellt.