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Sead Husic

Gefangen 1 Echo

 

ISBN 978-3-9524559-7-5

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Sead Husic

Gefangen I Echo

Roman

Baltische Bibliothek im BaltArt-Verlag, Band XIII

ISBN 978-3-9524559-7-5

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Preise: 25 € / 30 CHF (plus allfällige Versandkosten) 

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1. Auflage 2025
BaltArt GmbH Switzerland, BaltArt-Verlag, Langenthal (Schweiz)
Deutsche Erstausgabe

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Lektorat: Markus Roduner, Vilnius/Riga

Endlektorat und Korrektorat: Arnd Mathias Schuppius, Husum

Titelbild und Zeichnung Innenseite: Martynas Vilimavičius, Panevėžys

Buchgestaltung: Markus Roduner, Vilnius/Riga

Druck: Petro ofsetas, Vilnius

Innenseiten gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier

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Alle Rechte vorbehalten © BaltArt GmbH Switzerland, BaltArt-Verlag, Langenthal (Schweiz)

Das Buch

 

Vilnius, 1905. Der junge Arzt Aidas Žygas betritt das Lukiškės-Gefängnis mit großen Plänen: Er will ein modernes Hospital aufbauen, Menschlichkeit in die Härte einer Anstalt bringen, die als Vorzeigeprojekt des Zaren gilt. Doch hinter den Mauern herrschen andere Gesetze – und ein Kommandant, Gramonow, der in Aidas’ humanistischem Eifer eine Bedrohung sieht. Als sich Aidas in die blinde jüdische Revolutionärin Adelė verliebt, gerät er in einen Sog aus Misstrauen, Verrat und Gewalt. Sein Glaube an Vernunft und Fortschritt wird auf eine harte Probe gestellt – und seine Ideale drohen im Strudel der Geschichte zu zerbrechen.

Das Lukiškės ist ein Kristallisationspunkt europäischer Geschichte – ein Jahrhundertgefängnis, das von 1905 bis 1991 Persönlichkeiten festhielt, die später die Welt veränderten – wie etwa den israelischen Premierminister Menachem Begin, den KGB-Gründer Felix Dzierźyński, die jüdische Partisanin Sonia Madejsker, den belarussischen Nationaldichter Maxim Tank, den US-Raketenwissenschaftler Barys Kit. Sie alle fanden sich hier während der wechselvollen Geschichte Litauens, in der das Gefängnis von acht verschiedenen Herrschaftssystemen als Ort der Unterdrückung benutzt wurde.

Gefangen – Echo ist der Auftakt zu einer epischen Trilogie über Macht und Menschlichkeit, Schuld und Widerstand – an einem Ort, an dem sich das 20. Jahrhundert verdichtete wie unter einem Brennglas.

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Der Autor

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Dr. Sead Husic, geboren 1974 in Traunstein (Oberbayern), studierte Politikwissenschaft in Duisburg und an der Freien Universität Berlin, wo er auch mit dem Thema „Psychopathologie politischer Macht – Die Zerstörung Jugoslawiens im Spiegel der Biografien von Slobodan Milošević, Franjo Tudjman und Alija Izetbegović“ promovierte. Er berichtete aus den Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens unter anderem für die Financial Times Deutschland, die Berliner Zeitung, den Freitag, die taz, Le Monde diplomatique und das Amnesty Journal. 2018 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Gegen die Träume“, 2026 erschien bei BaltArt der Essay „Die Zeitenwende begann in Jugoslawien. Von Milošević bis Trump“.

Unser Verlag gibt nun seine Roman-Trilogie „Gefangen“ heraus, in der die Jahrhundertgeschichte des Lukiškės-Gefängnisses in Vilnius erzählt wird.

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Foto: Ieva Husic

Textauszug

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«Sei ein guter Mann!» Das waren die letzten Worte aus dem halb gelähmten Munde von Aidas’ Vater, als er im Herbst 2015 im Sterben liegend und durch einen Schlaganfall fast seines ganzen Verstandes sowie der teilweisen Kontrolle seines Körpers beraubt mit zitternder Hand nach dem Gesicht seines Sohnes tastete und sich von ihm verabschiedete. Sein Tod lag nun schon über ein Jahr zurück, doch dieser eine Satz, für den der Vater seine letzte Kraft aufgebracht hatte, hallte noch immer im Sohn nach. Es war wie ein nie endendes Echo, das ihn in den Wahnsinn zu treiben drohte. Nachts hielt ihn dieser Satz wach. Vater hätte am Ende seiner Kräfte vieles andere sagen können. Er hätte sagen können, dass Aidas ein guter Mann sei oder dass er ihn liebe, dass er stolz auf ihn sei. Aber er hatte nichts weiter als die Aufforderung für ihn übrig, ein guter Mann zu sein. Aidas wälzte nach Vaters Tod seine Worte im Kopf, als müsste er sie entschlüsseln, eine tiefer liegende Wahrheit finden. Er hatte Frau und Kinder, kümmerte sich um sie, arbeitete, war treu. War er dennoch kein guter Mann? Seit einigen Monaten schüttete er Alkohol über Vaters Worte, als könnte er so ihr Echo abklingen lassen. Anfangs verhalf ihm das Leeren einer Flasche Schnaps auch zu Schlaf. Für ein paar Stunden wenigstens. Meist wachte er aber noch vor dem Morgengrauen mit Kopfschmerzen auf, übergab sich und würgte drei oder vier Aspirin mit starkem Kaffee herunter. Doch eines Tages platzte seiner Frau Eglutė, die sich sein Treiben einige Wochen lang kommentarlos mit angesehen hatte, der Kragen, und so schrie sie ihn an, sich entweder um der Kinder willen zu fangen oder sie zu verlassen, weil sie nicht mit einem Trinker unter einem Dach leben wolle. So kam es, dass er nach der Arbeit nicht etwa den Weg nach Hause, sondern den zum Lukiškės-Gefängnis einschlug, wobei er unterwegs eine Flasche Lithuanian Gold leerte und schliesslich ziemlich betrunken vor der gelb in der Abendsonne leuchtenden Backsteinmauer stand. Er betrachtete die Gebäude, die sich hinter der Mauer vier Stockwerke hoch erhoben. Die Zwiebeltürme der 1905 fertiggestellten russisch-orthodoxen Kirche, in der die Insassen ihren Glauben finden sollten, waren von hier aus gut zu sehen. In diesem Gefängnis war sein Vater bis zur vorzeitigen Pensionierung als leitender Arzt des Hospitals tätig gewesen. 2013 löste man die Justizvollzugsanstalt auf, verlegte die rund achthundert Inhaftierten in andere Einrichtungen im ganzen Land und berief eine Kommission ein, die Empfehlungen für die Regierung ausarbeiten sollte, wie man den Komplex zukünftig nutzen könnte. In der Kommission sassen Historiker, Künstler, Politiker, Schriftsteller – und Aidas , weil er für das renommierteste Architekturbüro des Landes arbeitete und dessen Inhaber der Überzeugung war, dass niemand qualifizierter sei, sich mit dem Lukiškės auseinanderzusetzen, als der Sohn des ehemaligen leitenden Arztes des berüchtigten Gefängnisses. Aidas lachte über die Ironie des Schicksals, hatte er doch sein Leben lang nach möglichst viel Abstand zwischen sich und der Arbeit seines Vaters gestrebt und kam ihr nun ganz nahe. Das Lukiškės-Gefängnis war nicht irgendein Gebäudekomplex. Es war ein Ort des Grauens mit einer bis ins Jahr 1905 zurückreichenden Geschichte, die ihresgleichen suchte. Aber in Vaters Gegenwart verloren weder er noch Mutter auch nur ein Wort darüber. Als Kind hatte ihn das Schweigen über Vaters Arbeit geängstigt. In der sechsten Klasse erzählte ihm sein bester Freund, dass sein Vater einmal ins Lukiškės gebracht worden sei, weil er in seinem Kombinat einen Witz über den Genossen Breschnew erzählt habe. Wochenlang sei er hinter den Mauern verschwunden geblieben, und über der gesamten Familie habe die Gefahr geschwebt, nach Sibirien verbannt zu werden. Als sein Vater schliesslich doch nach Hause kam, sei er nicht mehr derselbe gewesen. Allein schon dieses Gespräch war gefährlich, deshalb redeten sie nie mehr darüber. Aidas fand es abscheulich, dass sein Vater zu denen gehörte, die im Lukiškės arbeiteten und dort weiss Gott was taten. Noch im selben Jahr verschwand sein bester Freund mitsamt seiner Familie, und auch wenn jeder wusste, wohin, sprach niemand laut aus, was geschehen war. Danach fürchtete und verachtete Aidas seinen Vater und schwor, sich von ihm und dem Gefängnis so weit wie nur möglich fernzuhalten. Jetzt stand er auf der weiten Fläche zwischen der Gefängnismauer und den benachbarten Wohngebäuden, auf der Gras und am Rand einige Büsche sowie eine alte Platane wuchsen. Aidas nahm einen Schluck Wodka. Der Alkohol entfaltete seine Wirkung. Am Himmel drehten die Krähen ihre Runden über dem Gefängnis und schrien: «Sei ein guter Mann!» Er kramte den Schlüsselbund, an dem die Schlüssel für das Haupttor und eine Reihe weiterer Gefängnisstahltüren hingen, aus seiner Ledertasche hervor, die er immer bei sich trug. Schwankend setzte er einen Fuss vor den anderen, näherte sich der Backsteinmauer, wandte sich nach rechts und ging an ihr entlang, bis er an ihrem Ende nach links abbog, um zum Eingang zu gelangen. Einem schwarzen, quadratischen Stahltor, in dem sich wiederum eine kleinere Tür befand. Er brauchte einige Versuche, um den richtigen Schlüssel zu finden, ihn ins untere, dann einen anderen Schlüssel ins obere Schloss zu schieben und die Stahltür zu öffnen. Er schritt hindurch. Rechts von ihm befand sich das Wärterhäuschen. Links stand die Aussenmauer des Gebäudes, in dem sich im Erdgeschoss die Aufnahme- und in den Etagen eins bis drei die Verwaltungs und Lagerräume befanden. In der Mitte der Gebäudemauer war eine grüne Stahltür, durch die die Neuankömmlinge einst hatten gehen müssen. Er schloss die erste Tür hinter sich, ging an der grünen Tür vorbei und weiter geradeaus, bis rechts von ihm das Eingangsportal der russisch-orthodoxen Kirche erschien. Er blickte zu den silbern glänzenden Kirchtürmen empor. Dort hausten seit der Schliessung des Gefängnisses Tauben, während sich unter den Dachvorsprüngen der anderen Gebäude die Krähen eingerichtet hatten. Er ging weiter und erreichte eine Stahltür, die ins Gefängnisgebäude eins führte. Er machte sich daran, sie aufzusperren, was ihm in seinem Zustand einiges an Konzentration und Beherrschung abverlangte, denn er balancierte Tasche, Schlüssel und Flasche in den Händen, statt etwas davon abzustellen. ...

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